von Celine van der Hooft
„Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete?“ (Lukas 24,32)
Das fragen sich die Jünger, nachdem sie einem „Fremden“ begegnet waren, mit dem sie sich angeregt unterhalten hatten und dieser dann plötzlich verschwunden war. Sie hatten mit ihm an einem Feuer gesessen und er brach im wahrsten Sinne des Wortes, aber auch als Erinnerungs-mahl, mit ihnen das Brot. Mit dieser kleinen Geste wurde mehr erreicht und bewirkt, als man erwarten würde.
Den Jüngern wurden plötzlich die Augen aufgetan. Sie erkannten ihren Herrn, doch der war inzwischen wieder außer Reichweite. So nah dran, und doch vorbei. Das muss für sie ein Tiefschlag gewesen sein. Da reden sie mit ihrem Herrn auf ihrem Weg über den Tod und die damit einhergehende eigene Trauer, mit der sie einfach keine Ruhe finden, und schöpfen absolut keinen Verdacht. Der Mann bleibt bei ihnen, er scheint es nicht eilig zu haben. Umso aufgeregter sind sie dann, als sie im Nachhinein feststellen mussten, wer mit ihnen unterwegs war und wer mit ihnen gemeinsam Abend gegessen hatte. Wir haben es doch gespürt! Warum hat keiner von uns etwas gesagt?
So ist die Geschichte, die hinter diesem Monatsspruch steht. Ich muss Ihnen etwas gestehen. Selten ist es mir so schwergefallen wie in dieser Zeit, etwas zu Papier zu bringen, das mit dem „vorgegebenen“ Thema zu tun hat. Wenn ein Präsident einer großen Nation einen anderen Präsidenten vor laufenden Kameras und Journalisten abkanzelt, unterstützt von seinem „Vertreter“, ohne dass das Opfer, anders kann man es fast nicht sagen, die Möglichkeit hat, sich dieser Situation zu entziehen, geschweige denn, dass man bereit ist, ihm zuzuhören, dann ist man sprachlos und muss zugeben, eigentlich hat man gewusst, was man zu erwarten hat.
Wenn Geiseln, die freigelassen werden, sich erst einer erniedrigenden Art des Spießrutenlaufens und öffentlicher Präsentation stellen müssen und dann auch noch Erinnerungsfotos und Urkunden bekommen, dann weiß man nicht mehr, wohin mit seiner Fassungslosigkeit und denkt, eigentlich war dieses Verhalten zu erwarten. Was ist das für eine Welt, in der das einzelne Menschenleben nichts mehr zählt, in der Lüge und Trug sich nicht mehr von der Wahrheit unterscheiden lässt, in der es keine Achtung mehr vor dem Leben und schon gar nicht vor dem Tod gibt? Was ist das für eine Welt?
Um ehrlich zu sein, das war zu erwarten, dass die Welt sich so entwickelt. Schon in der Bibel wird davon berichtet, dass die Welt im Laufe der Zeit immer kälter, unmenschlicher und zerstörerischer wird. Das hat sich angedeutet, man konnte es schon spüren, dass so etwas passieren wird.
Und das war´s? Nein, das war es absolut nicht, im Gegenteil. Dieses „Spüren“, von dem in unserem Monatsspruch berichtet wird, ist nicht dasselbe wie die Ahnungen, die wir gespürt haben, wenn sich Erwartungen, böse Erwartungen, bestätigen. Es ist eher das Gegenteil. Es entsteht aus einer Situation heraus, wo zugehört wird, wo man miteinander im Gespräch ist, voller Achtung und Respekt dem Anderen gegenüber. Wo man offen ist, für das, was das Gegenüber sagt und ausdrücken will, ohne Vorurteile. Es ist diese Offenheit, die das „Spüren“ ermöglicht und es zudem möglich macht, dass man es auch wahrnimmt.
Die Welt steht an einem Abgrund, doch wir haben einen Ort, einen Gott, dem wir uns zuwenden können, wo all das Toben und Betrügen, das Morden und Quälen nicht mehr im Vordergrund stehen. Wir haben einen Ort, wo wir Ruhe finden können, eine Ruhe, die es uns möglich macht zu hören. Zu hören auf die Stimme, die anderes sagt, deren Worte Balsam sind für unsere wunden Seelen. Wir haben einen Gott, der uns sehen lässt, dass es auf dieser Welt immer wieder Wunder gibt. Der uns zeigt, dass nichts, aber auch gar nichts geschieht, ohne dass er das mitbekommt, und der diesen Schmerz und diese Verzweiflung, die wir empfinden, genauso auch empfinden kann. Es ist dieser Ort, es ist dieser Gott, der uns in diesen unruhigen und wüsten Zeiten Ruhe und Hoffnung schenkt, der uns die Kraft und die Weisheit schenkt, nicht zu verzweifeln, sondern weiterzumachen und zwar in seinem Sinne.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie immer wieder, egal wo Sie sich gerade befinden, spüren dürfen, dass Gott für Sie da ist. Möge er Sie segnen und Ihnen die Kraft und die Weisheit geben, die Sie nötig haben.